3 l Nazis gegen die Vernunft

Shownotes

Autorin & Regisseurin: Marie Tiemann Host: Johannes Nichelmann Kamera: Tobias Winkel Sound: Julius Hofstädter Schnitt: Marvin Leibold Grafik: Julian Krischker Fachberatung: Evelyn Wöldicke, Viktoria Bernadette Krieger (Liebermann-Villa am Wannsee) Produktion: Carsten Bartelt, Jenny Häschel, Beate Selchow Produzenten: Johanna Behre, Johannes Nichelmann Leitung: Carolin Stranz, Achim Klapp (Museum Barberini) Eine Produktion von nb Studios, im Auftrag des Museums Barberini Potsdam

Mehr Podcasts unter: museum-barberini.de/podcasts

Quellen und Zitate: Literatur

  • Faass, Martin, Max Liebermann, Köln 2017.
  • Küster, Bernd, Auf den Spuren von Max Liebermann, Hamburg 2025.
  • Ostwald, Hans, Das Liebermann Buch, Berlin 1930.
  • Püschel, Walter, Immer Diskret! Anekdoten über Max Liebermann, Berlin 1987.
  • Scheer, Regina, „Wir sind die Liebermanns“: die Geschichte einer Familie, Berlin 2007.
  • Schmalhausen, Bernd, „Ich bin doch nur ein Maler“: Max und Martha Liebermann im "Dritten Reich", Hildesheim 1998.
  • Simon, Hermann (Hrsg.), Was vom Leben bleibt, sind Bilder und Geschichten : Max Liebermann zum 150. Geburtstag; Rekonstruktion der Gedächtnisausstellung des Berliner Jüdischen Museums von 1936, Berlin 1997.

Verwendete Fotos

  • Ortrud Westheider © Valerie Schmidt
  • Evelyn Wöldicke © Privat

Quellen im Internet

Abbildungen:

  • Max Liebermann: Selbstbildnis, 1934, Tate
  • Fritz von Uhde: Der Leierkastenmann kommt, 1883, Hamburger Kunsthalle

Transkript anzeigen

00:00:00: Als Akademiepräsident bekam ich einen anonymen Brief.

00:00:03: Ich sollte binnen dreier Tage zurücktreten oder man würde mich abknallen.

00:00:29: Hallo, ich bin Johannes Nichelmann.

00:00:30: Ich bin Kulturjournalist und das hier ist der Fall Liebermann ein Podcast vom Museum Barberini in Potsdam.

00:00:37: Max Lieberman gehört zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zu den mächtigsten Männern der deutschen Kunst doch mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten wird er aus dem öffentlichen Leben verdrängt.

00:00:48: sein Lebenswerk wird zunichte gemacht.

00:00:50: dass das alles möglich ist es kein Zufall sondern das Ergebnis einer jahrzehntelangen gesellschaftlichen Entwicklung.

00:00:57: Jetzt öffnen wir die dritte Akte vom Fall Max Liebermann, Nazis gegen die Vernunft.

00:01:03: Dieser Teil der Geschichte beginnt in Berlin der neunzenhundertzwanziger Jahre kurz nach dem Ersten Weltkrieg.

00:01:09: Lieberman ist seventy- drei Jahre alt und als Künstler hat er alles erreicht – nationale und internationale Auszeichnungen.

00:01:16: Seine Heimatstadt Berlin hat er den Ruf einer bedeutenden Kulturmetropole eingebracht.

00:01:21: Aber Liebermann wäre wohl nicht Lieberman, wenn er jetzt einfach so in den Ruhestand gehen würde.

00:01:26: Als ihm der wichtigste Post einem deutschen Kulturbetrieb angeboten wird, nimmt Dane an.

00:01:31: Lieber Mann wird Präsident der nun preußischen vormals königlichen Akademie der Künste.

00:01:36: Eine Ehre für den Mahler und irgendwie wird die Geschichte auch erst richtig rund.

00:01:41: Denn er wird zum Präsidenten der Institution gegen deren verkrustete Strukturen ihr sein ganzes Leben angekämpft hat.

00:01:48: Zu seiner Berufung an die Spitze der Akademie sagt lieber Mann, ich weiß dass es eine Tollkühne ist in meinem Alter ein neues verantwortliches Amt anzunehmen.

00:01:59: Zumal im jetzigen Augenblick wo die Scheiterhaufen für unsere Glaubensgenossen schon aufgerichtet sind.

00:02:06: Die Zeiten sind hart.

00:02:07: nach dem ersten Weltkrieg der erst vor zwei Jahren zu Ende gegangen ist Berlin vom Zusammenbruch geprägt.

00:02:14: Der Kaiser ist Geschichte und er musste sein schickes Schloss in der Prachtstraße unter den linden Räumen, geht ins Exil.

00:02:21: Ein Parlament und eine gewählte Regierung sollen jetzt das Reich führen.

00:02:24: Die noch junge Weimarer Republik kämpft aber mit massiven politischen Unruhen.

00:02:29: Es gibt bürgerkriegsähnliche Zustände es gibt Putschversuche von links und rechts Und es gibt immer wieder wirtschaftliche Krisen.

00:02:37: Berlin ist zerlummt und schmutzig, sagt Liebermann.

00:02:40: Abends dunkel und eine tote Stadt.

00:02:42: dazu Soldaten die Streichhölzer- und Zigaretten in der Friedrichstraße oder unter den Linden verkaufen.

00:02:48: Blinde Drehorgelspieler in halb verfaulten Uniform mit einem Worte einfach jammervoll.

00:02:54: man wäre versucht reaktionär zu werden.

00:02:57: Lieber Mann wohnt da weiterhin mitten in Berlin direkt am Brandenburger Tor.

00:03:02: Die bewegte Geschichte vom Kaiserreich bis zur Machtübernahme der Nazis findet einfach direkt vor seiner Haustür statt.

00:03:08: Als am Ende des Ersten Weltkrieges Kämpfe um die Macht in den Straßen von Berlin ausbrechen, ist Liebermann zu Hause – eine Kuge landet sogar in seinem Wohnzimmer und er ist froh, dass er seine Kunstsammlung rechtzeitig aus der Schussämie gebracht hat.

00:03:22: Lieber Mann ist einer der wichtigsten Kunstsamler seiner Zeit!

00:03:26: Neben Werken des Impressionismus hängen niederländische Meister und zahlreiche Werke des Realisten Adolf Menzel an den Wänden seines Hauses.

00:03:34: Die Liebermanns wohnen großbürgerlich, aber nicht pompös – von seinem Vater hat Max Lieberman Millionen geerbt und sich im obersten Stockwerk eines Hauses ein Atelier eingerichtet.

00:03:43: Liebemanns Biograph Ostwald war natürlich in dem Haus und beschreibt es so... Liebermanns Arbeitszimmer ist ein behagliches Herrenzimmer mit wenigen dunklen Möbeln, einigen hochlinigen Sesseln neben einem Kamin und farbenfreudigen aufeinander abgestimmten Teppichen.

00:03:58: Nirgends tritt Arroganz zu Tage schreibt Ostwald.

00:04:01: über dem Kamin hängt das große Doppelporträt seiner Eltern dass er zu ihrer goldenen Hochzeit um eighteenhundert neunzig gemalt hat Und auf dem Divan liegt wenn Liebermann in diesem Zimmer ist.

00:04:11: sein Dackel Vom Arbeitszimmer führt eine schmale Wendeltreppe nach oben in sein Atelier und Liebermann arbeitet wirklich viel.

00:04:21: Er sagt, ich halte mich wie ein

00:04:23: Rennpferd.".

00:04:24: Sein Biograph Erich Hanke beschreibt ihn dabei so – er malt mit wahrer Leidenschaft unaufförlich an der Staffelei hin-und herrennt.

00:04:33: Jeden Augenblick musste er in den Malkasten greifen um neue Massen von Ölfarbe, deren er ungeheuer Vielverbrauchte aus den Tuben zu drücken.

00:04:43: Er mischte seinen Ton schnell und fast ohne hinzusehen, setzte ihn mit einem magischen Hieb auf die Leinwand und rannte sechs Schritte zurück um die Wirkung zu beurteilen.

00:04:52: Aber in Großteil seiner Zeit muss Liebermann Kulturpolitik machen.

00:04:55: er hat überhaupt keine Zeit zum Malen!

00:04:57: Er ist jetzt der Präsident der wichtigen und großen Akademie.

00:05:01: Dort soll ab sofort ein anderer Wind wehnen.

00:05:03: er sagt von nun an soll sie auch den neuen Künstlergeneration offen stehen.

00:05:08: Wer selbst in seiner Jugend die Ablehnung des Impressionismus erlebt hat, wird sich ängstlich hüten gegen eine Bewegung, die er nicht oder noch nicht versteht das Verdammungsurteil zu sprechen.

00:05:19: Besonders als Leiter der Akademie, die wie wohl ihrem Wesen nach konservativ erstarren würden wenn sie sich der Jugend gegenüber rein negativ verhalten würde.

00:05:28: Das sagt Max Liebermann.

00:05:30: Ist es ein gutes Signal für die Expressionisten mit denen er sicher in der Berliner Sitzession verkracht?

00:05:36: Als Präsident der Akademie hat Lieber Mann

00:05:46: Die Akademie-Leitung ist die Spitze des Offiziellen.

00:05:50: Kunstbetriebes.

00:05:51: Man ist an das Kultusministerium angegliedert, man hat Einfluss oder der Präsident hat ein Fluss auf die Ankaufskommissionen und der Museen.

00:06:01: Man hat Einfluß auf die Gestaltung der Lehrerausbildung an den Kunsthochschulen.

00:06:08: Man habe ein sehr hohes prestigeträchtiges öffentliches Amt und kann dementsprechend auch öffentlich

00:06:15: auftreten.".

00:06:15: Das heißt, dass war die höchste Kulturpolitische Position, die man sich vorstellen kann.

00:06:22: Als Präsident der Akademie ist Liebermann Reformer.

00:06:25: Sein erklärtes Ziel ist die Verjüngung der Akademie und dafür stellt er ab jetzt auch seine eigenen Vorstellungen von Kunst hinten an.

00:06:33: Er fördert Ausstellungen mit Kunstwerken junger Künstler – auch wenn er persönlich sagt sie gefallen mir nicht!

00:06:39: Das klingt heute ehrlich gesagt ziemlich normal.

00:06:42: aber in den Reihen der Akademie stößt er dabei natürlich auf heftigen Widerstand Antimodernistischen reaktionär.

00:06:49: Mitglieder der Akademie, die machen ihm seine Präsidentschaft nicht leicht.

00:06:54: Er hält zwölf Jahre lang durch und sagt am Ende das hier.

00:06:58: Gott sei Dank seit diesem Oktober bin ich von der Präsidenschaft der Akademie erlöst nachdem ich mich zwölfe jahrelang rumgequält habe.

00:07:06: aber ich konnte nicht mehr.

00:07:07: Ich hielt es einfach nicht mehr aus.

00:07:09: Aber wie konnten die Leute ihm diese Zeit so schwermachen?

00:07:13: Während seiner Amtszeit blockieren die Reaktionärmitglieder regelmäßig die Aufnahme fortschrittlicher Künstler in die Akademie.

00:07:20: Wahlen werden für Liebermann zu Macht proben, im Laufe der neunzwanziger Jahre wird er Einfluss einer Gegner immer stärker und ihre Positionen werden immer radikaler.

00:07:31: Die Stimmen werden immer lauter wie eine völkische und irgendwann auch offen ausgesprochene nationalsozialistische Gesinnung haben.

00:07:38: Lieber Mann bietet ihn bis zuletzt die Stirn.

00:07:41: Ein Zeitgenosse schreibt, er hatte nie Schlaf in den Augen.

00:07:45: Steht immer noch in einem Alter wo deutsche Künstler gewöhnlich Feierabend machen im Parteikampf, schreibt redet agitiert revolutioniert intrigiert.

00:07:54: das erhält ihn jung und aktuell.

00:07:56: Zu den Angriffen gegen Liebermann innerhalb der Akademie kommt aber noch was dazu Die Hetze der rechten Presse die Liebermanns Präsidentschaft von Tag eins an als einen Zitat völkische Schande Und die akademie als Zitat rettungslos verjudet beschimpft.

00:08:11: Die völkische deutsche Zeitung schreibt diese jetzt folgenden unglaublichen hetzerischen Zeilen.

00:08:17: Sie schreiben, die Ausstellungen bringen regelmäßig nur Arbeiten aus ein und derselben Klicke – die Berliner Akademie der Kunst des Unterführungs von Max Liebermann zum Sammelpunkt jüdischer Künstler geworden, deren Ziel dahingeht das Berliner bzw.

00:08:32: deutsche Grundsleben völlig zu

00:08:34: unterdrücken.".

00:08:37: Und Lieberman erhält Morddrohungen!

00:08:39: Im August, hier bekommt ihr einen Brief an die Adresse der Akademie in dem steht.

00:08:45: Er solle sich versichert sein – Der Sturm bräche bald aus und würde sehr rasch altersjüdische Lausegesindel aus Deutschland herausfegen.

00:08:53: Ihnen aber würde man aufknüpfen weil er die deutsche Kunst besudelt

00:08:57: habe.".

00:08:58: Jens Bischy, Autor des Buches Die Entscheidung Deutschlands neunzehnundzwanzig bis neunzentvierunddreißig hat sich angeschaut, warum der Antisemitismus gerade in dieser Zeit so stark zugenommen hat und vor allem auch so offen ausgesprochen werden konnte.

00:09:35: das Herr in der Kaiserzeit schon vorgearbeitet, indem man die sogenannte Judenzählung organisierte.

00:09:41: Also gezielt hat wie viele Juden gedient haben im Krieg und dann hat man die Zahlen nicht veröffentlicht was Gerüchte befördert hat.

00:09:52: Man hatte Juden für die Revolution verantwortlich gemacht aber auch für den Kapitalismus.

00:10:04: Erscheinung, die den Leuten Angst gemacht haben.

00:10:09: Die sie verunsichert haben.

00:10:12: Lieber Mann nimmt die Kampfansage der Rechten mit sturrischer Ruhe denn er kennt diese Drohungen.

00:10:17: Er schreibt als Akademiepräsident bekam ich einen anonymen Brief.

00:10:22: Ich sollte bin dreier Tage zurücktreten oder man würde mich abknallen.

00:10:27: Ich habe den Wisch in dem Papierkorb geworfen und dachte nicht weiter daran.

00:10:32: Ein paar Tage später, als ich mit meinem Dackel spazieren ging, merkte ich wie mir ein Mann auf Schritt und Tritt folgte.

00:10:39: Schließlich fragte ich den Kerl was er von mir wolle.

00:10:43: Er war einen Geheimpolizist der über mein teures Haupt wachen sollte.

00:10:48: Im Ministerium des Innern hatte man von der Drohung Wind bekommen Und mir einen Polizisten zugeordnet Was mir aber sehr lästig war.

00:10:54: Ich bat den Mann mich alleine spazierend gehen zu lassen.

00:10:59: Ist Max Liebermann damit wirklich so locker umgegangen?

00:11:02: Die Liebermann-Expertin Eveline Wöldeke.

00:11:05: Wenn man mit solchen Anfeindungen überschüttet wird, ist das für einen Menschen sehr schwer zu ertragen und sich die Haltung zuzulegen und sagen, ich schmeiß es in den Papierkorb.

00:11:17: Das ist eine Souveränität, die einem viel abverlangt aber auch irgendwo schützt.

00:11:24: wenn nicht an meinen Innersten heranlasse.

00:11:26: Dann greift es mich als Mensch nicht an.

00:11:28: Das waren ja Anfeindungen, die zielten auf ihn als Menschen.

00:11:33: Das war keine sachliche Kritik, das ging einfach darum jemanden niederzumachen zu degradieren und zu entwürdigen.

00:11:41: Max Liebermann ist wie ein Felsblock am Meer.

00:11:43: Die Wellen der Brandung fluten drüber hin Fluten wieder zurück Bedecken ihn anscheinend auch manchmal geben ihm gleich wieder frei Und der Fels Block bleibt unverändert in seiner Gestaltung und Haltung.

00:11:55: Das soll der berühmte Galerist Paul Cassira über Liebermann gesagt haben.

00:11:58: Und trotzdem, mit diesen Drohungen war bereits der Schatten zu heran, der sich auf seinen letzten Lebensjahren legen und all seine Erfolge auf Einschlag kaputt machen würde.

00:12:09: Aber wir gehen noch mal ein paar Jahre zurück – in Berlin der neunzelzwanziger Jahre ist Lieberman aus der feinen Berliner Gesellschaft nicht wegzudenken.

00:12:16: Fast drei Jahrzehnte gehört sein Haus am Pariser Platz zu den ersten Adressen im Gesellschaftsleben der Stadt.

00:12:22: Regelmäßig geben die Liebermanns rauschende Feste.

00:12:25: Eine Besucherin schwärmt, es waren im Allgemeinen gegen einhundertfünfzig Menschen dort.

00:12:30: alles war voller Eleganz und voller Luxus.

00:12:33: Im Atelier wurde getanzt in den unteren Räumen bewundete man die modernen Bilder die Liebermann sammelte.

00:12:39: Lieber Mann ist unter dem Berlinern so etwas wie eine lebende Legende.

00:12:43: Er hatte Kunstwelt radikal verändert authentisch und unbeugsamem Gegenautoritäten wie den Kaiser.

00:12:49: er genießt Wir würden heute sagen Promi-Status.

00:12:52: Zeitschriften wie Haushof und Garten porträtieren ihn veröffentlichen Home Stories mit Interviews in seinem Garten oder seinem Atelier, sogar die Fleischverbandszeitung befragt Liebermann und Reichspräsident Hindenburg zu ihren S-Gewohnheiten.

00:13:06: Hier können sie ja schon riechen.

00:13:07: soll Lieberman geantwortet haben dass es heute Mittag einen guten Kipes oder Rinsbraten geben wird?

00:13:12: und hoffentlich gibt's abends auch ein tüchtiges Fleischgericht?

00:13:15: wir sind doch keine Fische.

00:13:17: Die Gesellschaft der Weimarer Republik liebt Liebermann.

00:13:21: Aber Lieberman selbst liebt weder große Gesellschaft noch Öffentlichkeit, das ist schwer vorstellbar bei der Biografie.

00:13:29: aber er soll gesagt haben ich rede nicht gerne in der Öffentlichkeit.

00:13:33: Ich bin überhaupt nicht gerne unter so vielen Leuten.

00:13:35: Das strengt mich an!

00:13:37: Ich bin am liebsten für mich und arbeite.

00:13:39: Liebemann bleibt gerne auf Distanz Es auch kein Mann des Volkes.

00:13:43: wie auf vielen seiner Selbstporträts zu sehen verschanzt er sich hinter der Fassade des arrivierten Künstlers aus der obersten Gesellschaftsschicht.

00:13:51: Ein erfolgreicher bourgeois, immer im feinen schwarzen Anzug wie ein Unternehmer oder Manager – sein Biograph Hanke schreibt dazu, alle Menschen waren für Liebermann vorübergehende Erscheinungen.

00:14:03: Er gab nicht mit festem Druck die Hand sondern wie zerschreut und zögernt!

00:14:08: Er gab nur eben die Fingerspitzen.

00:14:10: Von formaler Würde hielt er nicht viel und spielte nie die Rolle der Autorität.

00:14:15: Doch hatte sein Wesen von Natur eine sehr bestimmte Form, die nicht gelockert wurde.

00:14:20: Nie gab er sich behaglich, nie verleugnete er seinen Niveau auch nicht im Zorn oder wenn er etwas programmatisch Berlin hatte Und genau das belegen auch die zahlreichen über ihn in berlin kursierenden Anekdoten.

00:14:32: Auf einem Empfang trifft Liebermann einen bekannten Komponisten bekannt für seine Musik und für die vielen Frauen, die er nacheinander geheiratet hat.

00:14:42: Liebermann wird gefragt, ob er dessen neue Gattin Nummer fünf vorgestellt bekommen möchte und antwortet, je danke die Dame überspräg.

00:14:50: Und für diesen Humor ist Lieberman statt bekannt.

00:14:53: Evelyn Wöldicke.

00:14:55: Lieber Mann war beliebt weil er sich Bürger nahegegeben hat oder Volksnahe oder wie man das am besten bezeichnet.

00:15:03: Er hat nämlich natürlich auch das Berlinerische angenommen.

00:15:07: Das war eigentlich etwas was in der Obergeschicht aus der er ja stammte, nicht so gesprochen wurde.

00:15:14: Berlinern galt als unfein oder als einfach und er hatte diesen Einschlag der Berliner Zungel.

00:15:22: Er hat auch Wortwitz gehabt und er hat sich natürlich den Herrschenden widersetzt.

00:15:27: und jemand der in Richtung Kaiserhaus- oder Oberschicht einen lockeren Spruch auf den Lippen hat Der ist natürlich eine perfekte Identifikationsfigur für die Bevölkerung.

00:16:03: Belohnt doch auch mal ein Christen.

00:16:05: An seinem Geburtstag wird Liebermann geradezu mit nationalen Auszeichnungen überschüttet.

00:16:10: Reichspräsident Hindenburg lässt ihm das Adlerschild des Reiches zukommen als Zeichen des Dankes, denen ihm das deutsche Volk schulde.

00:16:18: Vom Kulturminister bekommt er die Staatsmedaille für Verdienste um den Staat.

00:16:22: Die Zeitungen sind voll mit Artikeln über das Geburtstagskind.

00:16:26: Da steht, der Jubeljahr empfängt selbst in den Morgenstunden aufrecht und elastisch die Glückwünsche seiner Familienangehörigen und seines engeren Freundeskreises.

00:16:35: Lieber Mann steht im Zinid seiner gesellschaftlichen Stellung – doch das Fundament beginnt zu bröckeln!

00:16:41: Fünf Jahre später, zu seinem fünfundachtigsten Geburtstag wiederholen sich die Ehrungen augenscheinlich Empfänge, Festreden, zahlreiche Würdigungen in der Tagespresse.

00:16:50: Tatsächlich aber ist das politische Klima inzwischen ein völlig anderes.

00:16:55: Acht Monate vor Liebermanns achtigsten Geburtstag war ein Mann namens Josef Goebbels als Gauleiter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei NSDAP nach Berlin gekommen.

00:17:06: Damals kannte niemand diesen Goebbles und kaum jemand interessierte sich für diese unbedeutende Partei, aber die Nationalsozialisten gründen Zeitungen und Zeitschriften um ihre Propaganda zu verbreiten.

00:17:17: Ihr Ziel ist es eine Massenbewegung zu starten Und warum ihn das so einfach gelingt, hat sich der Journalist und Autor Jens Bischy angeschaut.

00:17:26: Entscheidend ist dass sie sich als die radikale republikfeindliche Kraft inszenieren.

00:17:32: Und es keine radikalere republik feindlichere

00:17:35: Kraft

00:17:36: gibt als die Nationalsozialisten.

00:17:39: Es gibt ja viele, die die Republik ablehnen weil sie ein Kind der Niederlage ist Weil Sie die Bestimmung des Versaillervertrages erfüllen muss weil sie überhaupt manche Zumutungen, das sind nicht nur ekonomische, sondern auch im Lebensstil in der Kultur bereithält.

00:18:00: Und

00:18:01: die anderen, die gladierten rechten Kräfte überwiegend alte Eliten des Kaiserreichs, die überzeugten nicht mehr, die wirken anakronistisch und in Koalition mit diesen schaffenden Nationalsozialisten Ihren Aufstieg zu organisieren und dann stärkste Kraft innerhalb dieser Rechten zu werden.

00:18:23: Und in den letzten Jahren schalten Sie Ihre Koalitionspartner komplett

00:18:29: aus.".

00:18:30: Als sich Reichspräsident Paul von Hindenburg von Liebermann portraitieren lässt, reagiert die Nazi-Presse sofort.

00:18:38: Lieber Mann stellt fest Neulich hat ein Hitlerblatt geschrieben – es wäre unerhört, dass ein Jude den Reichspräsidenten Hindenbock malt!

00:18:45: Über so etwas kann ich nur lachen und ich bin überzeugt, Hindenburg lacht auch darüber.

00:18:50: Ich bin doch nur ein Maler!

00:18:51: Was hat die Malerei mit dem Judentum zu tun?

00:18:54: Evelyn Wöldicke

00:18:56: Das Lachen wird immer schwieriger.

00:18:59: also es war vielleicht sein Anspruch das zu ignorieren und zu sagen dass ist eine Gruppe von Idioten.

00:19:06: mit denen beschäftige ich mich nicht mehr.

00:19:10: Es wird natürlich einfach so laut Dass es nicht mehr wegzulachen geht.

00:19:15: Es gibt ja auch viele Äußerungen vom Ende seines Lebens, wo diese Resignation ganz deutlich klar wird.

00:19:21: Dass er sich wirklich abwendet von seiner Außenwelt, dass das nicht mehr die Welt ist, die er kannte und auch nicht die Welt in der er leben möchte.

00:19:31: Am threißigsten Januar, neunzehnhundertdreiund dreißig nur wenige Stunden nach der Ernennung Hitlers zum Reiskanzler durch Paul von Hindenburg den Liebermann ja gerade noch gemalt hat marschieren hunderte Männer von SA und SS mit Stahlhelm und mit Fackeln durch das Brandenburger Tor Richtung Reichskanzlei in der Wilhelmsstraße.

00:19:48: Sie feiern ihren Sieg!

00:19:50: Der entscheidende Schritt für die Machtübernahme der Nazis ist damit getan.

00:19:54: Lieber Mann beobachtet den Fackelzug vom Dach seines Hauses aus und sagt wohl seinen bekanntesten Satz Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen

00:20:02: möchte.".

00:20:03: Mit der Machtübernahme der Nazis sieht sich Liebermann von heute auf morgen auf die Tatsache reduziert, dass er Jude ist.

00:20:10: All seine Ehrungen und Medaillen sind an dem Tag bedeutungslos geworden, an dem der Antisemitismus zu erklärten Staatsresort wird.

00:20:18: Die Nazis hängen seine Bilder in den Museen ab.

00:20:20: weil er ein jüdischer Künstler ist soll er also nicht mehr gezeigt werden.

00:20:24: Evelyn Wöldicke von Der Liebermann-Wille am Wansee

00:20:28: Und genau das war, dass mit dem Liebermann bekämpft hat.

00:20:31: Sein Kunst wurde nicht aufgrund ihrer Qualität abgehängt sondern einfach aufgrund der Tatsache welche Religionszugehörigkeit er hatte.

00:20:39: Es ist ja Anfang vom Ende auch für die Akademie der Künste.

00:20:42: Mit Entsetzen erlebt Lieber Mann wie sein Nachfolger Max von Schillings die Akademie auf Linie bringt.

00:20:48: Der überzeugte Antisemit und Anti-Republikaner verandlasst nun, dass unangepasste Künstlerinnen und Künstlern von der Akademie ausgeschlossen oder zum Austritt gedrängt werden.

00:20:58: Darunter große Namen wie etwa Kate Kollwitz oder Heinrich Mann.

00:21:02: Noch bevor die Nazis per Gesetz dafür sorgen das auch noch die letzten Jüdinnen und Juden die Akademie verlassen müssen hatte diese bereits beschlossen Bilder jüdischer Künstlers nicht mehr auszustellen.

00:21:13: Lieber man selbst zögert aus der Akademien auszutreten – am XXIII.

00:21:17: Februar schreibt er Mehr als Juden würde das als Feigheit ausgelegt werden, wie mir schon mein Rücktritt von der Präsidentschaft als Feigkeit ausgelegt worden ist.

00:21:26: Noch mehr aber verhindert mich daran die Erwägung durch meinen Austritt gerade das zu tun was die Gegner wünschen.

00:21:33: Allerdings kommt alles darauf an ob ich Gefolgschaft finde, was mehr als zweifelhaft ist doch will ich nichts unversucht lassen.

00:21:41: Ob er sich aktiv um Gefolkschaft bemüht hat is nicht bekannt.

00:21:44: Fakt ist lieber man's Zweifel bewahrhalten sich!

00:21:49: Nur wenige Künstler, zu wenige zeigen Solidarität und widersetzen sich den Maßnahmen.

00:21:55: Ein paar Tage später steht das Reichstagsgebäude in Flamm.

00:21:59: Die Nazis setzen infolgedessen die Grundrechte außer Kraft – sie wollen ihre politischen Gegner ausmärzen!

00:22:05: Der Weg in die Diktatur ist damit

00:22:07: geebnet.".

00:22:15: Als angebliche Antwort auf die Gräuilhetze der Juden im In- und Ausland blockieren Männer der SA'n ganzem Reich die Türen jüdischer Laden, Lokale und Büros.

00:22:23: Sie fordern Kunden und Besucher auch fortzugehen.

00:22:26: An die Schaufenster kleben sie Plakate.

00:22:28: Deutsche Wert euch kauf nicht bei Juden!

00:22:31: In Frankfurt besetzt die SA die Universität und nimmt den Honorarprofessor Kurt Rietzlein schutzhaft.

00:22:36: Er wird des Pazifismus und der Kommunistenfreundlichkeit beschuldigt.

00:22:42: Er ist mit einer Jüdin verheiratet, nämlich mit Liebermanns Tochter Käther.

00:22:47: Wenige Tage später verkündet die Reichsregierung das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, dass die Entfernung aller kommunistischen sozialdemokratischen und jüdischen Beamten aus dem öffentlichen Dienst erlaubt.

00:23:00: Kurt Ritzler ist eines der ersten Opfer dieses Gesetzes – wer verliert Amt-und-Lehrauftrag?

00:23:06: Wie viele andere Menschen steht er von heute auf morgen vor dem existenziellen Aus?

00:23:11: Das Ganze hat auch fatale Folgen für das kulturelle Leben in Berlin.

00:23:14: Evelyn Wöldecker.

00:23:16: Im Kulturbetrieb gab es sehr viele Menschen mit jüdischem Hintergrund, die auch enorm wichtig und kreativ waren, die das Ganze vorangebracht haben, die viele Ideen hatten also sehr viele Künstlerinnen, Malerinnen, Literatinnen... Die waren alle jüdischer Herkunft!

00:23:35: Und da wird einfach ein wahnsinn großer Anteil Rausgeschmissen, die hinterlassen ein Loch.

00:23:43: Ein Loch das bis heute nicht gestopft ist

00:23:45: eigentlich.".

00:23:46: Am siebten Mai, nineteenhundertdreiunddreißig kommt Liebermann einem Ausschluss aus der Akademie zuvor.

00:23:51: Er legt seinen Amt als Ehrenpräsident nieder und tritt aus der akademie aus.

00:23:56: In einer jüdischen Zeitung gibt er folgende Erklärung ab Ich habe während meines langen Lebens mit all meinen Kräften der deutschen Kunst zu dienen gesucht.

00:24:04: Nach meiner Überzeugung hat Kunst weder mit Politik noch mit Abstammung etwas zu tun.

00:24:09: Ich kann daher der preußischen Akademie der Künste, deren ordentliches Mitglied ich seit nunmehr dreißig Jahren und deren Präsident ich zwölf Jahre gewesen bin – nicht länger angehören, da dieser Standpunkt keine Geltung mehr hat.

00:24:22: Drei Tage später nur wenige Schritte von der Akadémie und Liebermanns Haus am Pariser Platz entfernt verbrennen am zehnten Mai, in neunzehnhundertdreisig Studierende manche in SS- und SA-Uniformen Bücher von jüdischen, sozialistischen oder liberalen

00:24:37: Autoren.".

00:24:38: Sie wollen undeutsches Schriftentum ausmerzen.

00:24:41: Siebzigtausend Schaulustige sind zum Berliner Opernplatz, dem heutigen Bebelplatz gekommen.

00:24:47: Vor ihren Augen gehen mehr als zwanzigtausende Werke in Flammen auf.

00:24:52: Darunter Bücher von Erich Kestner, Heinrich Heine, Karl Marx, Bertolt Brecht und Sigmund Freud.

00:24:59: In seiner Feuerrede verkündet der NS-Propagandaminister Josef Goebbels Zitat das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist nun zu Ende.

00:25:09: Zitat Ende.

00:25:34: Dass ich so denken muss, wissen sie von mir aber... Man kann so etwas nicht oft genug aussprechen und es drängt mich wieder einmal, es zu tun.

00:25:44: Die Künstlerin Kate Colvitz ist eine der wenigen die ihn in seinen letzten Jahren begleitet.

00:25:49: In den letzten Jahren schreibt sie in ihr Tagebuch, er ist krank und nicht zu sprechen.

00:25:55: Frau Liebermann jetzt siebenundsiebtigjährig seufzt und ist müde.

00:25:59: Sie sagt dass Lieberman niedergeschlagen sei.

00:26:02: nur wenn er arbeiten kann vergisst er alles quälende.

00:26:06: Lieber Mann zieht sich in seine Kunst zurück, ermalt aus der Erinnerung Bilder von Gartenlokalen am Wannsee und sein letztes Selbstporträt.

00:26:14: Wenn man sich das heute so anschaut, dann könnte es einem wie ein Abschied vorkommen.

00:26:20: Der Blick wirkt müde, sein Gesicht von Grahm und Krankheit gezeichnet und er trägt seinen Panamarut.

00:26:27: Wirkt Liebermann vergessen werden?

00:26:28: So wie die Nazis das wollen?

00:26:30: Darum geht's in der vierten und letzten Folge von «Der Fall Lieber Man».

00:26:34: Alle Episoden hört ihr überall wo es Podcast gibt, bei Spotify und YouTube auch als Videopodcast.

00:26:40: Wenn euch die Folge gefallen hat gebt uns bitte fünf Sterne und erzählt auch anderen davon.

00:26:44: das hilft uns wirklich sehr vielen Dank!

00:26:46: Diesen Podcast hat Marie Thiemann geschrieben.

00:26:48: bedanken dem Team der Liebermann-Willer am Wannsee für die großartige Unterstützung.

00:26:52: alle Credits findet ihr in den Show Notes.

00:26:54: Der Fall Lieberman ist eine Produktion von NB Studios im Auftrag des Museums Barberini.

00:26:59: Mehr Podcasts vom Museum Barberini findet ihr auf museum-barberini.de.

00:27:04: slash podcast.

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