2 | Künstler gegen Kaiser
Shownotes
Autorin & Regisseurin: Marie Tiemann Host: Johannes Nichelmann Kamera: Tobias Winkel Sound: Julius Hofstädter Schnitt: Marvin Leibold Grafik: Julian Krischker Fachberatung: Evelyn Wöldicke, Viktoria Bernadette Krieger (Liebermann-Villa am Wannsee) Produktion: Carsten Bartelt, Jenny Häschel, Beate Selchow Produzenten: Johanna Behre, Johannes Nichelmann Leitung: Carolin Stranz, Achim Klapp (Museum Barberini) Eine Produktion von nb Studios, im Auftrag des Museums Barberini Potsdam
Mehr Podcasts unter: museum-barberini.de/podcasts
Quellen und Zitate: Literatur
- Brieger-Wasservogel, Lothar: Der Fall Liebermann: über das Virtuosentum in der bildenden Kunst, Stuttgart 1906.
- Faass, Martin, Der Jesus-Skandal: ein Liebermann-Bild im Kreuzfeuer der Kritik, Berlin 2010.
- Faass, Martin, Max Liebermann, Köln 2017.
- Küster, Bernd, Auf den Spuren von Max Liebermann, Hamburg 2025.
- Liebermann, Max, Die Phantasie in der Malerei: Schriften und Reden, Berlin 1922.
- Ostwald, Hans, Das Liebermann Buch, Berlin 1930.
- Röhl, John, Wilhelm II: Der Aufbau der persönlichen Monarchie 1888-1900, München 2001.
- Simon, Hermann (Hrsg.), Was vom Leben bleibt, sind Bilder und Geschichten: Max Liebermann zum 150. Geburtstag; Rekonstruktion der Gedächtnisausstellung des Berliner Jüdischen Museums von 1936, Berlin 1997.
Verwendete Fotos
- Ortrud Westheider © Valerie Schmidt
- Evelyn Wöldicke © Privat
Quellen im Internet:
Abbildungen:
- Max Liebermann: Entwurf zum zwölfjährigen Jesus im Tempel, 1879, Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett
- Max Liebermann: Freistunde im Amsterdamer Waisenhaus, 1881/82, Städel Museum, Frankfurt am Main, Eigentum des Städelschen Museums-Vereins e. V.
- Max Liebermann: Strandleben, 1916, Privatsammlung
- Max Liebermann: Biergarten “De Oude Vink” bei Leiden, 1905, Kunsthaus Zürich, 1925
- Fritz von Uhde: Der Leierkastenmann kommt, 1883, Hamburger Kunsthalle
Transkript anzeigen
00:00:00: Wir schreiben das Jahr nineteenhundert-eins.
00:00:02: Es ist der achtzehnte Dezember und Kaiser Wilhelm II hält im Berliner Schloss eine Rede, die als die sogenannte Rindsteinrede in die Geschichte eingehen wird.
00:00:11: Der Kaiser legt ihr geneigten Zuhörerschaft dar was seinem Ideal guter Kunst entspricht – und was nicht!
00:00:18: Die Kunst, die den Rindstein niedersteigt.
00:00:21: sie es dem Monarchen entdauern im Auge.
00:00:24: Er nennt ihn nicht beim Namen aber er spricht zweifellos von Max Liebermann Denn der Kaiser des Deutschen Reiches und König von Preußen verachtet Liebermannskunst.
00:00:35: Hallo, mein Name ist Johannes Nichelmann ich bin Kulturjournalist und das hier ist der Fall Lieberman ein Videopodcast vom Museum Barberini in Potsdam.
00:00:43: Max Liebaman gehört zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zu den mächtigsten Männern der deutschen Kunst.
00:00:49: Wenige Jahre später, Mitte der neunzehnten Dreißigerjahre wird er von den Nazis gezwungen aus dem Nicht der Öffentlichkeit zu treten.
00:00:56: Sie wollen seinen Lebenswerk zerstören.
00:00:59: Doch das alles passiert nicht von heute auf morgen und auch nicht zufällig!
00:01:03: Wie konnte es so weit kommen?
00:01:05: Öffnen wir Akte II des Fall.
00:01:07: lieber Mann Künstler gegen Kaiser.
00:01:11: Wenn euch dieser Podcast gefällt dann erzählt gerne anderen davon und gibt uns fünf Sterne überall wo das möglich ist.
00:01:16: Vielen Dank Wir starten die zweite Folge da, wo wir bei der ersten aufgehört haben.
00:01:44: Das Gemälde ist ein Meilenstein und davon sind die ganz großen Namen der Münchner Kunstzene überzeugt.
00:01:50: Das Bild habe ihn, so berichtet Liebermann schon an dem Tag berühmt gemacht, an dem es die Jury gesehen haben.
00:01:58: In Münchener Künstlerkreisen lobt man ihnen das seit fünfzig Jahren kein Seuchmeisterwerk in München gemalt sei!
00:02:05: Die breite Öffentlichkeit sieht das aber ein bisschen anders – für christlich-konservative Menschen hat Lieber Mann die Grenzen zur Blasphemie überschritten zur Gotteslästerung.
00:02:16: In der Öffentlichkeit schlägt die Kritik an der ästhetischen Provokation des Künstlers in ganz offenen Antisemitismus um.
00:02:23: Die Reaktionen auf Liebermanns Bild fallen derart heftig aus, dass sich selbst der Bayerische Landtag in einer zweitägigen Debatte mit diesem Fall befasst.
00:02:32: Mit so einer großen Aufregung hat Lieberman zu keinem Zeitpunkt gerechnet.
00:02:38: Wieso hat er das aber nicht zumindest geahnt?
00:02:40: Darüber habe ich mit Evelyn Woelticke gesprochen.
00:02:42: Sie ist Liebermann-Expertin und leitet die Liebermann-Wille am Wansee in
00:02:46: Berlin.".
00:03:00: vor ihm gekleidet gewesen sein.
00:03:02: Und vielleicht hat er auch wirklich keine Schuhe gehabt, wenn er einen jüdischen Hintergrund hatte wird er so ausgesehen haben wie das Groh der Bevölkerung und das war vielleicht eine naive herangehensweise von Liebermann aber es war total plausibel.
00:03:20: Lieber Mann wird den Skandal um seine Gemälde nicht zu schnell vergessen und genauso wenig die jüdische Gemeinschaft die fünfzehn Jahre lang seine Bilder nicht mehr gekauft haben soll.
00:03:29: Er selbst habe sich, schreibt er jahrzehntes später an seinen Freund Alfred Lichtwerk angeecket von all dem Radau damals geschworen nie mehr ein biblisches Thema zu malen.
00:03:39: Das Skandalbild können wir heute nicht mehr sehen.
00:03:42: Lieber man persönlich übermalt ist und das es einen wirklich heftiger Schritt für den Künstler!
00:03:48: Im mitten der Gelerden steht jetzt ein angepasster Jesus – ein Jüngling mit goldenem Haar leicht im Gewand und Schuhen.
00:03:55: Lieber Mann will ab sofort wieder Bilder mit ganz irdischen Themen malen.
00:03:58: Die Bildidee dazu hat er in Holland gefunden.
00:04:01: Für das Gemälde Freistunde im Amsterdamer Weisenhaus lässt er sich extra farbige Trachten schicken, die er in Amsterdam gesehen hat.
00:04:09: Die zieht ihr Modellen an, die dann vor seinem Münchner Atelier darin für ihn posieren Das Gemäle von.
00:04:19: Es ist ein warmer Sommertag und im flirrenden Sonnenlicht unter den Bäumen sind junge Frauen zu sehen, die sich unterhalten.
00:04:26: Einige nähen, andere spielen fangen Die Darstellung eines Alltags von Weisenkindern realistisch und unsentimental.
00:04:34: Mit Bildern wie diesem feiert Liebermann wieder einen großen Erfolg in München.
00:04:39: Aber es gibt so eine Sache, die Lieberman schwer auf der Seele liegt.
00:04:42: Er hat als junger Mann seine Heimatstadt Berlin verlassen um ein großer Künstler zu werden, wovon seiner Eltern ja eigentlich nicht so richtig begeistert waren.
00:04:50: Jetzt Jahre später wird er gefeiert überall nur halt nicht Zuhause in Berlin und das will Liebermann natürlich nicht auf sich sitzen lassen.
00:04:59: Mitte der Achtundachtziger kehrt Lieberman aus München nach Berlin zurück.
00:05:04: Es war aber kein leichter Schritt sagt die Liebermann-Expertin Evelyn Wöldeke.
00:05:08: Dass er in Berlin noch keine Anerkennung hatte ist für ihn extrem schmerzhaft, weil das natürlich der Ort seiner Familie ist und dass es auch der Ort wo seine Familie besonders seinen Vater Erfolg sehen möchte.
00:05:20: Und das kann er nicht einlösen und deswegen ist Berlin natürlich auch eine Herausforderung für ihn.
00:05:27: und nach vielen Jahren im Ausland oder dann auch in Süddeutschland hatte er hier kaum Verbindungen, er hatte keine Erfolge vorzuweisen, er musste eigentlich von Null nochmal anfangen.
00:05:39: Und dennoch, Liebermann brauchte Berlin, schreibt der Kunstkritiker Karl Scheffler.
00:05:44: Die unruhigste aller deutschen Städte.
00:05:46: Er brauchte die Öffentlichkeit für seinen Drang zum aktuellen.
00:05:49: Er wollte Geltung, wollte sich hervortun, wollte in einem hohen ehrgeizigen Sinn Regisseur des Zeitgeistes sein.
00:05:56: Er ließ sich nicht ungern von Berlin anstecken.
00:06:00: Zurück in Berlin macht Lieberman eine Entdeckung, die ihn prägen wird – die Malerei der französischen Impressionisten.
00:06:06: Für Liebermann sind sie von nun an eine wichtige Inspirationsquelle und auch Sammelobjekts.
00:06:12: Die Werke der französischen Maler sieht ihr aber nicht im Kulturbetrieb des Kaiserreichs, dort finden Sie nicht statt sondern in der Privatsammlung seiner jüdischen Nachbarn.
00:06:21: Das Ehepaar Bernstein veranstaltet regelmäßig Salons.
00:06:24: Dort zeigen sie ihre einzigartige Sammlung impressionistischer Gemälde.
00:06:29: Mit seinen Salons steht das Sammlerpaar in einer langen Tradition.
00:06:32: Salons sind seit dem achtzehnten Jahrhundert private Treffpunkte, an denen Menschen zusammenkommen um sich über Kunst, Literatur, Philosophie und Politik auszutauschen.
00:06:42: Und so geben sich auch im Haus der Bernsteins die großen Namen des Berliner Kulturbetriebs die Klinke in die Hand.
00:06:48: Liebermann beobachtet das Entsetzen dass die impressionistischen Bilder bei manchen Besucherinnen und Besuchern auslösen.
00:06:54: Einer von ihnen inspiziert die Gemälde.
00:06:57: haben sie wirklich Geld für diesen Dreck ausgegeben.
00:07:01: Das sagt der berühmte Male Adolf Menzel.
00:07:04: Lieberman erinnert sich, dass Menzel bemerkt wie peinlich sein abfälliges Urteil die Bernsteins berührt hatte und er entschuldigte sich bei der Dame des Hauses mit den Worten Es tut mir leid mich so unhöflich über ihre Sammlung geäußert zu haben aber es ist meine aufrechte Überzeugung.
00:07:21: Ihre Bilder sind scheußlich.
00:07:23: Liebermann ist aber begeistert von den modernen Franzosen.
00:07:27: Ein Gemälde von meine Nähe gefällt ihm besonders und er bekommt es als Honorar für ein Porträt, das er von Herrn Bernstein malt.
00:07:34: Welchen Einfluss hatten die Impressionisten aus Frankreich auf Liebermann und seine Werke?
00:07:39: Evelyn Wöldicke hat sich angeschaut was sich durch die Franzosen in Liebermanns Kunst verändert hat.
00:07:45: Wenn man sich fragt was nimmt Lieber Mann mit nachdem er diese Gemäle gesehen hat dann ist es bestimmt dass Augenmerk auf den Augenblick.
00:07:55: Das heißt Zu dem Zeitpunkt gibt es eine besondere Lichtsituation.
00:08:00: Es tauchen auf seinen Gemälden, vermehrt diese Sonnenflecken auf, Licht beispielsweise das einfach durch Blätter, Bricht und Muster auf den Boden malt.
00:08:12: Das sind so Sachen die entwickelt er weiter.
00:08:15: Eighteenhundertsechzehneunzig
00:08:16: schreibt lieber man dazu, es ist das Verdienst der Impressionisten man näher in ihrer Spitze dass sie zuerst wieder ohne Voreingenommenheit an die Dinge herangehen.
00:08:26: Statt der verstandesmäßigen Malerei der Akademie mit dem Rezept von Lokal-, Licht- und Schattenton versuchten Sie wie sie ihn sahen jeden Ton auf der Palette zu mischen und auf die Leinwand zu setzen.
00:08:38: Vor allem Mané hat Liebermann Schwerbe eindruckt und dazu hat mir Ortruth Westheider die Direktoren des Museums Barberini diese schöne Anekdote hier erzählt.
00:08:47: Als es die Ausstellung Monet, Mané in der Galerie Casira gab und die zu Ende ging da hat er seine Bilder hingebracht um nach den Öffnungszeiten seine Bilder mit Mané zu vergleichen und dann hat er gesagt ja anders aber auch nicht schlecht.
00:09:06: Und da sieht man einfach, das war eine ganz, ganz hohe Messlatte für ihn.
00:09:11: Noch aber ist die Stunde des Impressionisten-Liebermann nicht gekommen.
00:09:15: In den letzten Jahren zieht Liebermann von München zurück nach Berlin – auch um Marta Markwald zu heiraten!
00:09:22: Ein Jahr später wird ihre Tochter Käthe geboren und nach dem Tod seiner geliebten Mutter zieht die Familie in Liebermans Elternhaus an den Pariser Platz direkt am Brandenburger Tor.
00:09:32: Liebermann schreibt, ich bin in meinen Lebensgewohnheiten der vollkommste Bosch war.
00:09:36: Ich esse, trinke, schlafe gehe spazieren und arbeite mit der Pünktlichkeit einer Turmuhr.
00:09:42: Ich wohne im Haus meiner Eltern wo ich meine Kindheit verlebt habe Und es würde mir schwer werden wenn ich woanders wohnen sollte.
00:09:49: Auch ich ziehe Berlin jeder anderen statt als bleibenden Wohnsitz vor.
00:09:53: Kaiser Wilhelm II überlegt Ninzehundert sechs das Elternhaus von Lieberman zu kaufen.
00:09:58: Er will's abreißen.
00:09:59: Liebermann lässt ihm dann aber Folgendes ausrichten.
00:10:02: Jenseits zum Kaiser und sagen sie, der Lieberman hätte.
00:10:05: ihr sagt, der Kaiser wohne auf die Aeneende von Unterlinden und der Liebers Mann wohnt auf die andere Ende von Unter linden.
00:10:11: Und ebenso wie der Kaiser nicht auf die Ende von unterlinden geht, geht der Liebergmann nicht auf Dittende von unter Linden raus.
00:10:18: Also jeder an seinem Platz.
00:10:21: Einer von ihnen muss seinen Wohnsitz als erstes räumen Aber noch wissen beide nicht wer es sein wird.
00:10:26: Doch nicht nur nachbarschaftliche Quereeln trennen Liebermann und den Kaiser.
00:10:30: Trotz internationaler Erfolge gilt Lieberman in Preußen als Schmutzmaler, Gossenkünstler oder Apostel der Hässlichkeit.
00:10:39: Kaiser Wilhelm II hat seine Hand auf dem Kulturbetrieb der preußischen Hauptstadt.
00:10:43: Er will dass das passiert was er für richtig hält.
00:10:47: Und dafür gibt es auch viel Kritik.
00:10:48: Karl Scheffler beschreibt Berlin-Ninzenhundertzehn als eine Hauptstadt des Platten leicht verständlichen und renomistischem Eine stattgewissenlos entarteter Denkmalplastik, kleinbürgerlich versimpelter Genremalerei und einer für zuchtlose Kindergemüter bestimmten panoramermäßigen Malerei.
00:11:07: Das klingt nicht besonders aufregend – das klingt auch überhaupt nicht nach Liebermann!
00:11:12: Künstlerinnen und Künstlern moderner Bewegungen in seines Impressionisten, Naturalisten oder Symbolisten haben es ungeheuer schwer Ausstellungsmöglichkeiten zu finden, geschweige denn zu offiziellen Ehren zu kommen.
00:11:24: Die großen Ausstellungen der Königlichen Akademie bleiben für die meisten verschlossen.
00:11:29: Liebermannsbilder werden zwar zum Teil gezeigt, aber er positioniert sich immer häufiger und immer deutlicher gegen diesen konservativen Geist der Berliner Kunstinstitutionen.
00:11:39: Zusammen mit dem Maler Walter Leistico gründet er die Vereinigung der Elf.
00:11:43: Die Künstler wollen ihre Werke auch ohne den Segen der Gatekeeper von der Akadémie ausstellen.
00:11:49: Ohne Rücksicht auf Wünsche- und Liebhabereien des kaufenden Publikums sagt Leistiko ohne ägstliches Schielen auf Paragrafen der Ausstellungsprogramme.
00:11:58: Die Ausstellungen organisieren sie selbst, was ihnen in den Galerien und Kunsthandlungen der Stadt auch immer häufiger möglich wird.
00:12:04: Ab eighteenundzwahl neunzig verzichtet Liebermann ganz darauf seine Bilder auf den großen offiziellen Berliner Ausstellung einzureichen.
00:12:12: Das wird mit Liebermanns international wachsen im Erfolg natürlich irgendwann immer peinlicher für Berlin.
00:12:20: Die Akademie Liebermann macht letztendlich ein Angebot, das er wie er schreibt nicht abschlagen sollte.
00:12:26: Und der tut es auch nicht!
00:12:27: Eine Einzelausstellung mit Bildern seiner Wahl.
00:12:31: Ab Mai, die Preußische Akademie der Künste zeigt zu seinem fünftigsten Geburtstag eine Übersicht seines bisherigen Schaffens.
00:12:38: Das sind einundreißig Gemälde und dreißig Grafiken.
00:12:41: Der Liebermansaal ist nach seinen Wünschen edel- und raffiniert ausgestattet, elegante Holzpaneele, Teppichboden gedämpftes Licht.
00:12:50: Und die Ausstellung wird zum Erfolg!
00:12:53: Liebermann wird Mitglied der preußischen Akademie der Künste, erhält ein Professoren-Titel und die langersehnte goldene Medaille.
00:13:01: Damals wurden Künstlern auf großen Ausstellungen noch medaillen als hohe künstlerische Ehrung verliehen.
00:13:05: Lieberman soll deswegen gelangene Bilder gerne auch mal als Medaillengreifer bezeichnet haben.
00:13:11: Medaillon festigen den Ruf und lässt endlich auch den Marktwert der Kunstschaffenden.
00:13:16: Eine goldene Medaille in Berlin, in unsere Zeit übersetzt wäre sie vielleicht mit dem goldenen Bär der Berlinale für Leute im Film zu vergleichen.
00:13:24: Liebermann ist jetzt also fünfzig Jahre alt und hat es endlich in seiner Heimatstadt und Lieblingsstadt Berlin zur offizielle Anerkennung gebracht.
00:13:32: Tragischerweise erlebt Liebermans Vater das alles nicht mehr.
00:13:35: Für ihn war die Anerkernung des Sohnes in Berliner Kunst- und Kulturbetrieb extrem wichtig.
00:13:39: er stirbt aber drei Jahre vorher.
00:13:41: Liebermanns Erfolg ändert für ihn persönlich viel, allerdings wenig an den verkrusteten Strukturen im Berliner Kulturbetrieb.
00:13:49: In den Augen der Akademie harbert es beim wilden Nachwuchs einfach schon an den Basics – sie fallen nicht nur wegen ihrer Bildthemen durch deren Raster, Evelyn Wöldicke von der
00:13:58: Liebermann-Villa.".
00:13:59: Das war eine
00:14:00: Art
00:14:01: die gelehrt wurde an den Akademien wie man ordentlich Kunst macht!
00:14:05: Vorstudien, man macht eine Kompositionsgitze.
00:14:09: Man macht Detail-Studien und dann bastelt man das alles im Atelier zusammen.
00:14:14: Und was macht die jüngere Generation?
00:14:17: Der Pinsel wird lockerer mit der Farbe, wird vielmehr geklext.
00:14:23: Man trägt locker auf, man hält sich nicht mehr an den akademischen Herstellungsprozess von Gemälden.
00:14:35: Der schreibt in einem Brief, gerade jetzt rumort ist hier ganz gräulich und was lange in der Luft liegt scheint sich zum Faktum verdichten zu wollen.
00:14:42: Die Berliner Secession.
00:14:45: Secession das kommt vom lateinischen Begriff Secesio und bedeutet Trennung beziehungsweise Abspaltung.
00:14:52: Die Rebellen wollen sich von offiziellen Losagen von der Kunst von Kaisers Gnaden.
00:14:56: Im Frühjahr eightundachtundneunzig formiert sich um Leistico und Liebermann eine Gruppe von Dissidenten Die modernen Künstlerinnen und Künstlern im Kaiserreich endlich ein Forum bieten will, mit selbstorganisierten Ausstellungen und eigener Jury.
00:15:10: Die Berliner Sitzession ist also geboren – eine Künstlersvereinigung gegen das verstaubte Establishment!
00:15:16: Und zu Ihrem Präsidenten wird natürlich Max Liebermann an Land.
00:15:20: Dank dessen guter Kontakte lässt die Sitzition in kürzester Zeit einen Ausstellungsgebäude mit sechs Sälen an der Schalottenburger Kannstraße
00:15:27: bauen.".
00:15:28: Nicht einmal ein Jahr nach der Gründung der Sensation hält lieber man hier die Eröffnungsrede bei der ersten Ausstellung.
00:15:34: Er sagt, für uns gibt es keine allein-selig machende Richtung in der Kunst sondern als Kunstwerk erscheint uns jedes Werk welcher Richtung es angehören möge indem sich eine aufrichtige Empfindung verkörpert.
00:15:48: nur die gewerbsmäßige Routine und die oberflächliche Mache derer die in der kunst nur die Milchene Kuh sehen bleiben grundsätzlich ausgeschlossen.
00:15:57: Bereits die erste Ausstellung der Berliner Secession wird ein durchschlagender Erfolg.
00:16:02: Die Öffentlichkeit ist begeistert, der Besucherandrang riesig und einen Viertel der gezeigten Werke kann sogar verkauft werden.
00:16:09: Ein Jahr später wird die Secession der Öffentlichkeiten erstmals Werke von französischen Künstlern wie Claude Monet, Auguste Rodin oder Paul Cézanne präsentieren – auch diese Ausstellung ist ein voller Erfolg!
00:16:23: Liebermann wird zur zentralen Figur eines kulturpolitischen Aufbruchs.
00:16:27: Er ist progressiv, öffnet diese Session gezielt für junge Kunstschaffende und in Rekordzeit macht er Berlin zu einem internationalen Zentrum der modernen Kunst.
00:16:36: Wie reagiert der Kaiser?
00:16:37: Der nur wenige hundert Meter von Lieberman entfernt residiert.
00:16:41: Spätestens mit der zweiten Ausstellung der Session muss er gesehen haben dass seine Institution gegen die Session auf verlorenem Posten stehen.
00:16:50: Sie haben die Vormacht in Berliner Ausstellungswesen verloren, ausgerechnet an Liebermann dessen Realismus der Kaiser verabscheut.
00:16:57: Ausgerechnet An impressionistische Gemälde, die er als undeutsch kategorisch ablehnt.
00:17:03: Das aufstrebende Bürgertum der Gründerzeit liebt die Avant-Garde und wie dieser Begriff geprägt wurde hat mir Orto Westheider vom Museum Barberini in Potsdam erklärt.
00:17:13: Die Fürsprecher der Französischen Malerei, wie man das damals ja auch nannte und das war die Malerei des Feindes wurden als Arangadisten bezeichnet und haben sich selbst hinter diesem Kampfbegriff versammelt.
00:17:26: Also avant-garde, das ist die Vorhut.
00:17:28: Das ist ja ein Begriff aus der Militärsprache und wurde jetzt angewendet als Kampfbegriff für diese progressive Gruppe.
00:17:39: Und avant-gard dieser Begriff den wir heute noch anwenden auf Neuerungen in der Kunst hat sich so formiert.
00:17:50: Da sieht man einfach wie politisch aufgeladen
00:17:54: Ist.
00:17:54: diese fiese sogenannte Rindsteinrede des Kaisers also ein letztes Aufbäum gegen die Moderne?
00:18:00: Er sagte im Dezember, dass die Kunst soll mithelfen erzieherisch auf das Volk einzurücken.
00:18:08: Sie soll auch den unteren Ständen nach harter Mühe und Arbeit die Möglichkeit geben sich an den Idealen wiederaufzurichten!
00:18:15: Wenn nun die Kunst, wie es jetzt vielfach geschieht weiter nichts tut als das Elend noch scheusticher hinzustellen, wie er schon ist.
00:18:22: Denn versündigt sie sich damit am deutschen
00:18:25: Volke.".
00:18:26: Das sagt der Kaiser, der offenbar das Elent in seinem eigenen Reich nicht sehen will.
00:18:30: Aber egal, wie man diese Rede interpretiert, lieber Mann nimmt Sie gelassen und schreibt dazu natürlich kann der Kaiser höchstens die Bewegung aufhalten wozu doch im Großen und Ganzen die talentvolleren Gehirn zusammenhalten, ist auch das kaum zu befürchten.
00:18:46: Schließlich kommt es in der Kunst nur aufs Talent an – und die Rederei ist ganz gleich!
00:18:52: Doch wie steht's um den Zusammenhalt innerhalb der Sezession?
00:18:56: Liebermann ist immer wieder Angriffen ausgesetzt.
00:18:59: Als Machtmensch polarisiert er nämlich, er bevorzugt einen gemäßigten impressionistischen Stil und blockiert in der Sezession konsequent radikalere Positionen.
00:19:09: Besonders jüngere Künstler werfen ihm vor, neue Entwicklungen auszubremsen, sobald sie nicht mehr in sein ästhetisches Weltbild passen.
00:19:16: Ihr Vorwurf lautet….
00:19:17: Der einstige Rebell ist längst zum Geldkeeper geworden!
00:19:21: Wer nicht in seine Vorstellung einer maßvoll moderne passt hat es schwer – unabhängig von Talent oder Innovationskraft.
00:19:28: Was genau wollte Liebermann für Kunst?
00:19:30: Evelyn Wöldicke, Direktorin der Liebermann-Villa.
00:19:34: Aber er hatte natürlich auch seine Vorstellung, was gute Kunst ist und er wollte gute Kunst zeigen.
00:19:45: Und da fängt es dann eben an nicht mehr ganz so einfach zu werden, weil er dann bestimmte Positionen ausschließt.
00:19:52: Für ihn ist Kunst etwas, das immer an das, was er sieht, an die Natur, an das wirklich Daseinde gekoppelt ist.
00:20:01: Wenn sich das komplett löst, hat er im Kunstverständnis ein Problem.
00:20:06: Vor allem Vertreter des damals aufkommenden Expressionismus lehnt Liebermann ab, weil sie ihre subjektive, ihre ganz eigene intime Gefühlswelt und intensive Farben über die realistische Darstellung erheben.
00:20:18: Der alte Meister Lieberman findet man müsse ja nicht jeden Trend mitmachen.
00:20:22: Kritiker titulieren ihnen verbittert als Pafs an der Spree, der den Massen per Erlasschen Impressionismus verordnet.
00:20:30: So ist in der illustrierten Münchner Wochenschrift namens Die Jugend das hier zu lesen Es ist eine Maler Hierarchie nach römisch-probater Manier.
00:20:39: Professor Max Liebermann fungiert als ihr heiliger Vater, er hat an der Spree seinen Vatikan.
00:20:47: Kunsthistoriker Lothar Briegel Wasserfrogel geht noch weiter in seinem Werk mit dem schönen Namen Der Fall Lieber Mann über das virtuosen Tum in der bildenden Kunst.
00:20:56: von uns hat sechs erwürft darin den fast sechzigjährigen Lieberman verdammenswerte Modellmalerei alten Stils vor, die sich modisch aufgeputzt hat.
00:21:06: In seinen Augen wird Liebermann als Peinlichkeit in die Geschichte eingehen – als der wesentliche Shadling moderner Kunst, als der Mann, der einem gesunden Baume die eigene Lebenskraft beschlitt um fremde Reiser darauf zu pflanzen und so den Entwicklungsprozess zu hemmen anstatt ihn zu fördern.
00:21:24: Sein Fazit?
00:21:25: Die deutsche Kunst müsse über Lieberman hinweggehen!
00:21:30: Was auffällt?
00:21:32: Immer wieder verschwimmt auch in diesen Jahren die Trennlinie zwischen Kritik und Antisemitismus, gepaart mit völkischen Denken.
00:21:41: Eine von vielen Karrikaturen jenerzeit verspottet Liebermann mit David Stern als Sezessionswirt, mit dem Aushängelschild – hier wird nur Impressionismus verzapft!
00:21:50: Der Kunstliebermans wird nicht nur Originalität sondern auch das Deutschsein abgesprochen.
00:21:56: So wird etwa der Generaldirektor der staatlichen Museen zu Berlin Wilhelm von Bode massiv dafür angegriffen, als er Liebermann anlässlich seines sechzigsten Geburtstags in den letzten Jahren nicht nur zum besten sondern auch zum deutschsten Maler seiner Zeit erklärte.
00:22:11: Wieder einmal geht es wenig um den Künstler-Liebermann, sondern um seine Machtposition als Jude und seine Liberalität in Kunstfragen die ihn sozusagen zum Zitat jüdischen Agent der Moderne machen würde.
00:22:22: Der Zitat undeutsches Modernes in der Kunst fördert ist heißt.
00:22:39: Seiner gesellschaftlichen Stellung und dem Zeitgeist entsprechend geht Liebermann selbstbewusst und locker mit seiner jüdischen Identität um.
00:22:46: Seine Auffassung nach ist Religion-Privatangelegenheit, der fühle sich im Übrigen als Deutscher.
00:22:51: was ihm seine jüdische Identität bedeutet erzählt Evelyn Wöldeke.
00:22:56: Für ihn ist klar dass er Jude ist und Jude bleibt.
00:22:59: also es kommt für ihn nicht in Frage sich taufen zu lassen was ja im späten Kaiser reicht.
00:23:04: durchaus sehr viele Jüdinnen und Juden dann machen, die wechseln, die Religion.
00:23:10: So etwas käme für Liebermann nie in
00:23:12: Frage.".
00:23:14: Er war jetzt allerdings auch nicht als extrem eifriger Synagogengänger bekannt.
00:23:18: Das heißt er hat eine jüdische Identität zu der steht er aber ist jetzt alles andere als orthodox.
00:23:34: Die Jury, die Liebermann anführt lehnt für die Jahresausstellung gleich mal siebenundzwanzig arbeiten junge Expressionisten wie zum Beispiel Emil Nolde oder Max Pechstein ab.
00:23:43: Ganz einfach weil Sie nicht Liebermanns Verständnis von Kunst entsprechen.
00:23:48: Seine Abneigung gegen den Expressionismus ist quasi zur Regel geworden.
00:23:52: Schon neunzehntnach sechs soll er vor einem Gemälde Noldes gesagt haben.
00:23:56: wenn dort ausgestellt wird legt mein Amt wieder.
00:23:59: Es kommt also zum offenen Streit zwischen den etablierten Impressionisten und dem Verfechtern des Expressionismus.
00:24:05: Im November, neunzehntelnd elf tritt der dreiundsechzigjährige als Präsident der Sezession zurück um sie zwei Jahre später darauf ganz zu verlassen.
00:24:14: Für Liebermann muss das ein schwerer Rückschlag gewesen sein aber nach außen lässt er sich das natürlich nicht anmerken sagt Evelyn Wöldicke Direktorin der Liebermann-Wille am Wansee.
00:24:25: Liebermann ist zu dem Zeitpunkt immer noch eine zentrale Figur im Berliner Kunstgeschehen.
00:24:30: Er ist bestens vernetzt und er hat wahnsinnig viel Einfluss, aber Lieberman ist natürlich auch ein verletzter Mensch und er zieht sich ein bisschen mehr ins Private zurück.
00:24:40: Er legt den Schwerpunkt wieder etwas mehr auf das malerische, auf dass Maler sein und nicht so sehr auf das Kulturpolitiker sein.
00:24:49: Das Ende seiner Ära in der Sitzession tut seinem künstlerischen und gesellschaftlichen Standing keinen Abbruch.
00:24:54: Er ist schon lange auf dem Zynid seines Künstlerischenschaffens.
00:24:57: Neunzehundertneuen kauft er die letzte freie Parzelle am Berliner Wannsee, und baut sich hier ein Sommerhaus.
00:25:02: Das bezahlt er nicht von den Millionen seines Vaters sondern vom Geld das er als Künstlerin verdient hat.
00:25:07: Lieber Mann hat es geschafft!
00:25:09: Seit der Jahrhundertwende ist es für Mitglieder des deutschen Großbürgertums quasi einen Muss, ein Liebermann zu Hause zu haben.
00:25:16: Seine Farbpalette hat sich inzwischen deutlich aufgehält, die Farben sind strahlender und auch seine Themen passen jetzt mehr zum Bürgertum.
00:25:24: Strandleben, Porträts der großen Namen seiner Zeit und immer wieder Bilder vom Wannsee.
00:25:30: Zu seinem fünfundsechzigsten Geburtstag-Ninzenhundertzwölf annimmt ihn die französische Akademie zu ihrem Mitglied und die holländische Königin verleiht ihm ein Orden.
00:25:38: Zwei Jahre später bricht er erste Weltkrieg aus und erschüttert mit blutigen Schlachten die grundfesten Europas.
00:25:45: Lieber Mann, ganz patriot unterstützt anfangs das Kaiserreich mit Zeichnungen für die Kriegspropaganda.
00:25:50: Europa ist im Kosmopoliten Liebermann aber jetzt verschlossen!
00:25:54: Die Sommer verbringt er nicht mehr in Holland sondern in seinem Sommerhaus am Wannsee.
00:25:59: Max Lieberman ist aber noch lange nicht im Ruhestand.
00:26:02: nach Ende des Krieges will er es noch einmal wissen und die deutsche Kunstwelt modernisieren.
00:26:08: doch die Nazis beginnen Aufstieg.
00:26:10: Und was das bedeutet hört hier in der dritten Folge von Der Fall Lieber Man.
00:26:14: Alle Episoden hört ihr überall fürs Podcast, bei Spotify und YouTube gibt's das ja auch als Videopodcast.
00:26:20: Und wenn euch die Folge gefallen hat, gebt uns bitte fünf Sterne und erzählt auch anderen davon!
00:26:24: Diesen Podcast hat Marie Thiemann geschrieben und wir danken dem Team der Liebermann-Willer am Wannsee für die großartige Unterstützung.
00:26:31: Alle Credits findet ihr in den Shownauts.
00:26:33: Der Verlieberman ist eine Produktion von NB Studios im Auftrag des Museums Barberini.
00:26:38: Mehr Podcasts vom Museum Barberinni findet ihr auf museum-barberini.de.
00:26:44: Podcasts.
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